Ausstellung 2015

It is a duty I got to fill and I’m going to do it“ (Elvis Aaron Presley)
Quitten separat lagern oder: der Coca-Cola-Komplex

Jürgen Wegener betreibt die ironische Dekonstruktion des Konsumismus

Ausstellung Jürgen Wegener 1957 bis 2015

Unvorstellbar fern ist das Jahr 1957. Amerikaner sind Freunde. Die USA stehen in der öffentlichen Wahrnehmung für Freiheit, Popcorn, Straßenschlitten. Für Lässigkeit around the clock. Kaliforniens Küsten sind das Paradies. Beatniks die Botschafter. Das Silicon Valley ist weit davon entfernt, Synonym zu sein für alles, was den Menschen bis auf die Knochen nackt und bis in die hinterste Seelenverästelung gläsern macht. Der Ausbrütung harrt noch das Kabelmonster Hochtechnologie, wenngleich das kalifornische Industriepark-Cluster, das die Menschen besser kennen will als sie sich selbst und alles ausspioniert, was emsig Daten streut, spätestens mit der Schaffung des Stanford Industrial Park im Kern angelegt ist. Der Begriff Internet der Dinge hätte die Leute gleichwohl ratlos in die Runde blicken lassen. Noch bevölkern Aliens bloß die Galaxien von Science Fiction. Interaktive Erlebniswelten? Eine Supermacht definiert sich über Kampfpanzer – oder Coca Cola als imperialistische Geheimwaffe -, nicht mit Bytes. Gelebt und geträumt wird analog statt digital, linear statt exponentiell. Kommuniziert wird nicht über Apps. Musik wird aufgelegt statt ins Ohr gestöpselt, in der Freizeit sind Grill- und Tanzflächen ein Thema und nicht Displays und Screens. Es wird getwistet statt getwittert. Auf seinem Debüt-Album „Ready Teddy“ skizziert Little Richard die Stimmung beim Sock Hop: „The joint is really jumpin‘, the cats are going wild, The music really sends me, I dig that crazy style“.

Das neue Genre Popliteratur repräsentiert Jack Kerouac. 1957 wird „On the road“ veröffentlicht. Vademecum für alle, die an ihrem persönlichen Road Movie basteln, wird der Unruheroman verglichen mit Jazz. Der King of the Beats ist Bebop-Fan – wie Jürgen Wegener auch. Dessen amerikanische Prägung ist ohne Kerouac undenkbar. Aber es ist der King of Rock ’n’ Roll, der seine Heimatstadt rockt. Als Wegener zwanzig ist, hat Elvis Aaron Presley mit Heartbreak Hotel die erste Goldene Schallplatte in der Tasche, seinen ersten Spielfilm gedreht – und noch knapp zwei Jahrzehnte zu leben. Ende 1957 wird er zum Wehrdienst einberufen und logiert ab 1958 in Bad Nauheim. Wegener, derselben Generation angehörig, beginnt in diesem Jahr seine Ausbildung an der Städelschule und besucht regelmäßig eine weitere Institution der im Krieg zerstörten Stadt: den Jazzkeller Frankfurt. In dem renommierten Jazzclub, wo seit 1952 Weltstars gastieren, erlebt Wegener Charly Parker, Miles Davis und Albert Mangelsdorff live. Auch seine Malerei kennzeichnet von Anfang an ein ausgeprägtes rhythmisches Empfinden. Frühe Arbeiten entstehen seit 1957. Die „Farbräume und Farbballungen“ bauen darauf 1958 auf. „Räumliche Wirkung entsteht durch das Zusammenspiel von Perspektive und Farbwert“, lautet Wegeners Definition vom Einfluss kompositorischer und formalästhetischer Parameter auf die Entfaltung von Aura und die Anziehungskraft von Bildern. 1961 bezieht er in Bad Nauheim das erste gemeinsame Atelier mit Johannes Peter Hölzinger und beschäftigt sich mit dem spezifischen Raumwert von Farbe. Nie hat er sich der blanken Oberfläche verschrieben. Wegener macht die Dinge schon mal platt – doch er nimmt sie auch auseinander.

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Jetzt blickt er auf sein Lebenswerk zurück, das rund 4000 Collagen neben Objekten, Skulpturen und Fotografien von 10 000 am „Original-Schauplatz“ mit der Kamera aufgesammelten Coca-Cola-Dosen umfasst. Was von 1957 bis heute entstand, ist Gegenstand der Salinenausstellung in Bad Nauheim. Erstmals werden repräsentative Beispiele der verschiedenen, auffallend vielfältigen Schaffensperioden und Werkgruppen parallel gezeigt. Es waren Teilnehmer der documenta II, die Wegener so frühzeitig wie nachhaltig beeinflussten. Neben Pierre Soulages, der ihn durch die Komplexität seiner Kompositionen beeindruckte, vermochte ihn Franz Kline geradezu zu hypnotisieren. Der führende Vertreter des abstrakten Expressionismus, aus einer Kleinstadt in P ennsylvania mit einer Bad Nauheim vergleichbaren Einwohnerzahl stammend, war von New-York-Ansichten zu radikaler Abstraktion gelangt, die bevorzugt in Pechschwarz.die rastlose metropolitane Urbanität paraphrasierte mit heftigem Duktus, dynamischem Bildaufbau und der für ihn typischen Balkenästhetik. Aus der Begegnung ergeben sich für Wegener richtungsweisende Überlegungen und kompositorische Leitbilder. Insbesondere die seit 1984 entstehenden Architektur-Collagen „Zerstörungen im Raum“ lassen das erkennen, wo kollabierende Hochhäuser, Bauskelette und Architekturfragmente unvermittelt in die Bildfläche ragen, oder aber „Der große Mercedes von Ziegenberg“, den er im Schrottzustand entdeckte und in einer Folge von Collagen bildnerisch ein zweites Mal entsorgte. Wegeners Vanitas-Wagen, dieses Mercedes-Memento-Mori, ging ebenso in Serie wie die zerstörten Architekturen, die unter dem Eindruck von Nine – Eleven ganz anders gelesen werden können als in den Entstehungsjahren, wo die Zerstörung auch für spannungsvolle intellektuell durchdrungene Raumordnung stand. Bisweilen comicartig aufgefasst und in ihrer scharfkantigen Winkelakrobatik, den Verzerrungen und mutwilligen Schrägen lustvolle Anarchie transportierend, korrespondieren sie mit Arbeiten, bei denen Motive und Persönlichkeiten der Populärkultur oder deformierte Landschaften im Vordergrund stehen. Wegeners Cityscapes bilden eine Schnittmenge mit dem Coca-Cola-Komplex. Ausgehend von pastoser Malerei und ersten Materialbildern, die mit pigmentiertem Sand angereichert sind, stößt Wegener in den sechziger Jahren in die Dreidimensionalität von Relief und Skulptur vor und extrapoliert „Raumtaster“ zur Materialkonstruktion. 1970 verlässt er die Medien, in denen er sich bis dahin ausgedrückt hat, und widmet sich exklusiv der Fotografie. Der Alltag in Amerika, die Konsumgesellschaft, die von dort aus alle Lebensbereiche in Deutschland erfasst, verhandelt Wegener, indem er ausdauernd die markante Marke Coca Cola umkreist. Auf diesem Wege findet er zur Assemblage, verarbeitet Coca-Cola-Dosen und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Dabei erstreckt sich der fortgesetzte Amerika-Dialog weit über die Warenästhetik hinaus.

Unter den künstlerischen US-Positionen, die Wegener aufgreift, um sie weiterzuführen, sind einzelgängerische Figuren erklärte Favoriten. Der amerikanische Maler Philip Guston, auch vor dem Hintergrund seiner russisch-jüdischen Wurzeln und familiären Tragödien bisweilen realistisch bis zur Schmerzgrenze und erst unlängst vom Kunstbetrieb wieder entdeckt, darf geradezu als Seelenverwandter gelten. Beide Künstler beschäftigen Missstände in der Gesellschaft, Doppelmoral, Kontrollwahn, gesellschaftlich antrainierte Verdrängungsmechanismen sowie die unterschiedlichen Interpretationen ethischen Verhaltens, die sich Individuen zurechtlegen, um gar Fehltritte zu rechtfertigen. Wie Guston, mit dem er die Zuordnung als Außenseiter und die Ablehnung des Mainstream teilt, steht Wegener der Einstellung zum Künstler als möglichem personifizierten Gewissen eines Kulturkreises oder zumindest der Vorstellung einer von der Zivilgemeinschaft ernst genommenen Stimme nahe, ohne ideologisch zu verkrampfen. Wie das Werk von Guston, ist Wegeners Kunst politisch und figürlich geprägt. Der Subtext ist oft ironisch unterfüttert. Viele Bildaussagen haben mindestens zwei Ebenen. Arbeiten mit zivilisatorischen Relikten oder Ergebnissen von aktivem Reliktrecycling – Wegener fährt Getränkedosen selbst platt oder sammelt Stoffreste und Lumpen, um sie in Tafelbilder zu integrieren -, sind zentrale Statements in einem Lebenswerk, dessen Eckpfeiler die bis zur Karikatur gehende Dekonstruktion und die expressive Variation sind.

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Die Unzulänglichkeit der Welt, sie steht Wegener mit jedem Werkabschnitt neu vor Augen bis hin zur jüngsten Werkgruppe der seit 2014 konzipierten „Lumpenbilder“: zu verstehen in des Wortes doppelter Bedeutung. Bei Wegener ist der Lump los. Bildkonstituierend sind Bezüge zu den Bereichen Humor, Satire, Spott. Spiegel hält Wegener dem Betrachter auch unterschwellig vor. Guston flog wegen satirischer Zeichnungen von der Schule. Wegener kam im kommerziellen Kunstbetrieb nie richtig an. Dabei bringt er von Diktion und Repertoire alle Voraussetzungen mit für die Rezeption auf breiter Ebene. Jedoch: Um das anarchistische Moment zu goutieren – in den Bildträger geschlagen wie ein Ei in den Kuchenteig -, das in diesem bemerkenswert konsequenten Œuvre mit schwingt, welches seinen Rahmen fortwährend erweitert und dank der seit 1998 praktizierten Küchensparte „Art-Cooking“ mit Strichcode-Spaghetti und Quittengelee garniert wird, bedarf es ein Stück weit der Komplizenschaft.

Wegener schließt seine Werkgruppen selten endgültig ab, vielmehr spielen sie motivisch ineinander und werden entsprechend den jeweils virulenten gesellschaftspolitischen Themen und aktuellen Großwetterlagen der Kunst aufs Neue befragt. Dabei bleibt das Narrativ wichtig. Die abstrakte Expression ergibt für Wegener nur bis dahin Sinn, wo sie Alltag und Gegenwart auf Augenhöhe begegnet. Das bedeutet aber nicht, dass mimetische, abbildliche Aspekte ausschlaggebend sind für eine Komposition. Dagegen darf sich jede Bildfindung abklopfen lassen auf den Diskursfaktor. Wegeners Kunst sie ist Bekenntnis zu selbstbestimmten Lebensformen und ein undogmatischer Appell an die soziale Ausgestaltung persönlicher Freiheiten – mit subversivem Aroma.

Dorothee Baer-Bogenschütz

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